Netzgiraffen in Zoos und der Wildnis – Interview Teil 2

Netzgiraffen in Zoos und der Wildnis – Interview Teil 2

CK: In Deutschland gibt es nur noch fünf Netzgiraffenbullen – drei davon sind sicherlich im letzten Lebensabschnitt, einer hat keine Kühe bei sich, und nur der Serengetipark Hodenhagen verfügt über einen jungen Bullen, der realistisch gesehen sinnvoll züchten könnte. Muss man sich von Netzgiraffengeburten dauerhaft verabschieden?

JJ: Als Koordinator habe ich immer die Gesamtsituation im Blick und denke da nicht in Ländergrenzen. Ich glaube aber nicht, dass wir uns innerhalb Deutschlands dauerhaft von neugeborenen Netzgiraffen verabschieden müssen. Veränderungen in die eine oder auch die andere Richtung verlaufen bei Giraffen allerdings schon allein aufgrund der recht langen Tragzeit von 15 Monaten sehr langsam. Insofern liegt es in der Natur der Sache, dass es noch ein wenig dauern kann, bis wieder regelmäßig Netzgiraffen in deutschen Zoos geboren werden.

 

Der älteste noch lebende Netzgiraffenbulle in Deutschland: Kiringo aus dem Zoo Duisburg, geboren 1999 in München

Der drittälteste Netzgiraffenbulle in Deutschland: Maru aus dem Kölner Zoo, geboren 2001 in Kopenhagen

 

CK: Netzgiraffen züchten allgemein sehr gut, man könnte den Zoobestand locker ansteigen lassen, während der Bestand in der Natur immer weiter runtergeht. Da drängt sich regelrecht die Frage auf, warum man nicht zum Auswildern züchtet.

JJ: Im Moment ist die Situation für Auswilderungen von Giraffen noch nicht gegeben. Wie so oft bei Bestandsrückgängen in der freien Natur, müssen zunächst die Bedrohungsfaktoren zumindest eingedämmt und/oder Schutzräume für die Tiere geschaffen werden, bevor man konkret an Auswilderungen denken kann. An dieser Strategie wird im Moment gearbeitet und ehrlich gesagt hoffe ich, dass die Giraffenpopulationen in Afrika sich auch ohne Giraffen aus den Zoos wieder erholen und stabilisieren werden. Trotzdem koordiniere ich das Erhaltungszuchtprogramm so, dass die Zoos im schlimmsten Fall auch hier mit genetisch gesunden Tieren helfen könnten. Im Moment versuche ich aber daran mitzuarbeiten, dass sich die Situation der Giraffen in Afrika auch ohne Auswilderungen noch zum Positiven wendet.

 

CK: Wie groß ist Ihre Hoffnung speziell bei Netzgiraffen, dass die Situation sich zum Positiven wendet? Im Grunde ist Kenia das einzige Land, in dem diese Unterart noch vorkommt.

JJ: Es ist schwierig zu beurteilen, ob wir es noch schaffen, die Wildpopulation der Netzgiraffen aufrecht zu erhalten. Klar ist, wir müssen jetzt mit aller Kraft versuchen, die Bedrohungsfaktoren einzudämmen und Schutzräume für die Tiere schaffen. Erst wenn wir dies geschafft haben, können wir beurteilen, ob die Wildbestände sich von allein wieder erholen können oder wir ggf. mit zoogeborenen Giraffen unterstützen müssen.

 

CK: Welche weiteren Maßnahmen können Sie von Zooseite treffen, um die Situation in der freien Wildbahn zu verbessern?

JJ: Ich habe in den letzten Jahren die Zusammenarbeit zwischen Zoos und dem Giraffenschutz in den natürlichen Verbreitungsgebieten der Giraffen stark vorangetrieben. So haben wir z.B. eine Gruppe innerhalb des Artenkomitees eingerichtet, die sich ausschließlich dem Thema Giraffenschutz in Afrika widmet und diesen versucht mit den Zoos enger zu verknüpfen. Es wurden beispielsweise verschiedene Forschungs- und Schutzprojekte von der Gruppe mit einem enormen Zeitaufwand evaluiert, die wir dann am Ende den Haltern als unterstützenswert empfehlen. Diese enge Verknüpfung von in-situ und ex-situ Artenschutz ist auch weiterhin eines der Ziele des Zuchtprogramms.

 

CK: Zuletzt, Sie sind Zuchtbuchkoordinator der unterschiedlichen Giraffenarten, haben in Gelsenkirchen und jetzt in Kronberg jeweils mit Rothschildgiraffen/Nubischen Giraffen gearbeitet. Wird die Art damit automatisch gewissermaßen zu einem Favoriten oder wäre es Ihnen egal, mit welcher Giraffenart Sie im Alltag arbeiten?

JJ: Es stimmt, die Rothschildgiraffen begleiten mich seit ich die Koordination des Zuchtprogramms übernommen habe. Trotzdem liegen mir die anderen Unterarten genauso am Herzen und faszinieren mich gleichermaßen. Und so genieße ich es sehr wenn ich Kollegen besuche, die eine andere Giraffenunterart halten, diese Tiere dort zu beobachten. Dann kommt es natürlich vor, dass ich die Besonderheiten der anderen Unterarten direkt mit „meinen“ Rothschildgiraffen vergleichend in Bezug setze. Dies liegt aber nicht an einer Vorliebe, sondern eher daran, dass ich die Rothschildgiraffen täglich vor Augen habe, wenn ich im Zoo bin…

 

Olaf Goldbecker