September-Kalenderbild: Nördlicher Weißwangen-Schopfgibbon
Viele Menschen kennen pauschal Gibbons, aber Detailkenntnisse sind selten. Ein Blick in die Systematik der Primaten bringt dabei schon spannende Erkenntnisse über sie. Denn dann stolpert man schnell über den Punkt, dass sie zur Überfamilie der Menschenartigen gehören – dazu zählen eben die Menschenaffen, aber auch die Gibbons. Es ist also dieselbe Überfamilie, zu der biologisch gesehen auch der Mensch gehört. Was haben die Gibbons aber mit uns gemeinsam? Ein Punkt ist, dass alle Menschenartigen keinen Schwanz haben und die hinteren Backenzähne weisen das gleiche Muster auf. Gemeinsam ist auch der Körperaufbau im Bereich Schulter – im Gegensatz zu anderen Affenarten sind die Schultern weiter hinten liegend, was für eine größere Beweglichkeit der Arme sorgt.
Gibbons gelten als Kleine Menschenaffen und existieren in 20 Arten, allesamt in Südostasien beheimatet. Ihre Oberarme sind länger als die Beine. Der Daumen liegt nah am Handgelenk, was ihnen einen sicheren Griff um die Äste ermöglicht. Sie sind sogenannte Schwinghangler, die sich rein über die Arme mit hoher Geschwindigkeit in den Baumkronen fortbewegen können. Der wissenschaftliche Namen Hylobates kommt aus dem Griechischen und bedeutet Waldgänger.
Alle Gibbons haben gemeinsam, dass sie in monogamer Paarbindung leben. Sie bilden ein meist 25-50 Hektar großes Revier, das gegen Eindringlinge verteidigt wird. Dies geschieht eher nicht gewaltsam, sondern vokal oder per Drohung. Ihre lauten Rufe schallen über große Distanzen durch den Wald und signalisieren, dass dieses Revier besetzt ist. Diese Bindung an ihr angestammtes Revier ist leider auch ein großes Problem, denn bei der Abholzung der Wälder verlassen sie ihr Areal nicht einfach. Gemein haben alle Gibbonarten ihre Ernährung. Zu zwei Dritteln besteht sie aus Früchten, weitere 30% aus Blätter, und der Rest ist tierische Nahrung in Form von Insekten.
Man unterscheidet heute vier verschiedenen Gibbon-Gattungen. Eine ist ausschließlich mit den Siamangs besetzt, der größten Gibbonart. Eine zweite sind Weißbrauengibbons mit drei Arten, die dritte sind Kleine Gibbons mit neun Arten – und schließlich gibt es eben die Schopfgibbons mit sieben Arten, von denen der Nördliche Weißwangenschopfgibbon eine darstellt.
Namensgebend für die Schopfgibbons ist eben der auffällige Schopf bei den Männchen. Die unterscheiden sich deutlich von den Weibchen, denn die Männchen sind schwarz, während die Weibchen hellere Farben aufweisen – bei den Nördlichen Weißwangenschopfgibbons sind sie weiß. Womit auch die Frage beantwortet werden kann, um welches Geschlecht es sich bei dem Tier auf dem Kalenderbild handelt. Kurios ist die Fellfärbung. Bei Geburt ist das Fell goldgelb, was sich mit etwa einem halben Jahr schwarz färbt. Erst im Alter von 5-8 Jahren erreicht der Nachwuchs die Geschlechtsreife – wenn es sich um ein Weibchen handelt, färbt es sich dann wieder hell um, während die Männchen schwarz bleiben. Optisch ist der heranwachsende Nachwuchs vom Männchen kaum zu unterscheiden, allerdings ist ihr Ruf noch schwächer ausgeprägt und ähnelt dem ihrer Mütter. Alle Schopfgibbonarten sind bedroht.
Der Weißwangenschopfgibbon hat seinen Namen vom fast komplett schwarzen Männchen, das nur an den Wangen weißes Fell aufweist. Ihre Körperlänge ohne Arme beträgt etwa einen halben Meter und sie bringen ein Gewicht von ganzen 6 kg auf die Waage.
Wenn man den Namen „Nördlicher“ Weißwangenschopfgibbon hört, liegt die Vermutung nahe, dass es auch ein südliches Pendant gibt – und dass es sich dabei jeweils um Unterarten des Weißwangenschopfgibbons handelt. So hatte man ursprünglich auch gedacht. Den Südlichen Weißwangenschopfgibbon gibt es in der Tat auch, aber nach genetischen Untersuchungen vor über 40 Jahren wurde die Annahme verworfen, dass es sich um Unterarten handelt. Sowohl der Nördliche wie auch der Südliche Weißwangenschopfgibbon sind eigenständige Arten. Es gibt sogar Vermutungen, dass der Südliche Weißwangenschopfgibbon lediglich ein Hybrid aus seinem nördlichem Verwandten und dem Südlichen Gelbwangen-Schopfgibbon sei. Hybridisierungen mit dem Westlichen Schwarzen Schopfgibbon gab es in der Natur bereits ebenfalls.
Wahrscheinlich leben die meisten Nördlichen Weißwangenschopfgibbons in Laos. In Vietnam geht man von etwa 600 Tieren aus, die allerdings in stark fragmentierten Gebieten leben. In China nimmt man an, dass die Art inzwischen ausgestorben ist. Es sind leider viele Gründe, die den Gibbons zusetzen. In erster Linie ist es der Verlust des Lebensraums – der Wald wird gerodet für Holzgewinnung, landwirtschaftliche Fläche, Städte- und Straßenbau. Wer Gibbons schon mal am Boden hat laufen sehen, weiß wie ungelenk und langsam sie sich fortbewegen und was es bedeutet wenn sie eine Straße überqueren müssen. Zu den genannten Punkten kommt die Bejagung – zum einen trotz ihres geringen Gewichts als Lebensmittel, aber eher für die ostasiatische Heilmedizin und den Haustiermarkt. Schutzmaßnahmen kommen erst langsam ins Rollen, so dass die Zukunft der Art kritisch ist.
Bei dem Tier auf dem Bild handelt es sich um ein mittlerweile verstorbenes Weibchen namens Lena. Sie wurde 1987 im Zoo Hannover geboren und kam 2001 in den Zoo Osnabrück, wo sie 2019 im Alter von 41 Jahren verstarb. Mit ihrem heute noch lebenden Partner Otti brachte sie 7x Nachwuchs zur Welt. Aktuell werden weltweit etwa 200 Nördliche Weißwangenschopfgibbons in Zoos gehalten. Das Problem für die Haltung ist, dass man sie nur paarweise mit ihrem subadulten Nachwuchs halten kann, die Tiere aber gleichzeitig sehr alt werden, was bedeutet, dass die Kapazität für die Aufnahme von Jungtieren gering ist.
ARTENPROFIL
| Art: | Nördlicher Weißwangenschopfgibbon |
| Unterart: | – |
| Wissenschaftl. Name | Neumascus leucogenys |
| Vorkommen: | China, Vietnam, Laos |
| IUCN Status: | vom Aussterben bedroht |
| Nachwuchs: | Ein Jungtier nach 7 Monaten Tragzeit, Nachwuchs alle 2-3 Jahre |
| Ernährung: | Früchte, Blätter, Insekten |
| Feinde: | Mensch, Greifvögel |
| Lebenserwartung: | Wildnis ca 25 Jahre, Zoo ca 40 Jahre |

